Upadhyaya

Von 2013 bis 2014 hatte ich mich von meiner Tätigkeit als internationaler Dirigent etwas zurückgezogen weil ich ein umfangreiches Werk schreiben wollte – meine 1. Symphonie „Gebetsfahnen“ wurde im Juli 2014 fertig und wurde am 11. Dezember 2014 in Wien uraufgeführt. Es handelt sich hierbei um ein Werk für großes Orchester, einen 4- bis 8-stimmigen gemischten Chor, einen dreistimmigen Frauenchor und fünf Solisten. Die Gesamtdauer beträgt ca. 70 Minuten.

Das Werk umfasst vier Sätze und verbindet Sprachen und Philosophie des indischen Mittelalters sowie indische Rhythmen und Melodiefolgen mit westlicher symphonischer Musik. Die Texte sind von drei Dichtern des indischen Mittelalters – Kabir, Amir Khusro und Meerabai sowie aus einem Werk des amerikanischen Dichters Robert Frost. Die Mystik in der indischen Poesie erreichte ihren Höhepunkt mit dem Bhakti-Kult des Sufismus in der Zeit zwischen 1200 und 1500 n. Chr. und befürwortet eine vollständige Hingabe an Gott.

Der musikalische Inhalt ist frei tonal und die Solisten singen sowohl mit westlicher als auch orientalischer Gesangstechnik. Die Tonfolge verwendet in den meisten Fällen eine unregelmäßige Pentatonik oder Hexatonik. Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf dem Bild der Frau im indischen Mittelalter, welches das liberale Gedankengut dieser Zeit widerspiegelt.

Der erste Satz „Shakti“ stellt Gebetsfahnen und die Kräfte der Natur dar. Nach der buddhistischen Tradition tragen Sonne, Regen und Wind Gebete auf einer Fahne zu Gott. In der indischen Tradition heißt die Natur in all ihrer Urform und Gewalt „Shakti“ und ist eine weibliche Personifikation. Die Tonart ist eine Hexatonik welche Cis, Gis, Dis und Eis verwendet – eine Tonauswahl, die häufig in der Gebetsmusik des tibetischen Buddhismus verwendet wird.

Der zweite Satz beinhaltet die Poesie von Kabir (1440-1520) und des amerikanischen Dichters Robert Frost (1874-1963). Frost sagt, dass er noch weit zu gehen hat und der indische Dichter Kabir entgegnet, dass die Suche nach Gott Dringlichkeit hat. Dies ist ein Phänomen des heutigen geschäftigen Lebens, wo wenig Wert auf die Spiritualität und innere Einkehr gelegt wird. Dieser langsame Satz hat zwei Teile und eine weitgehend tonale Struktur. Die tiefe Instrumentation stellt das Dunkle des Waldes und die Verlockungen der Trägheit dar.

Der dritte Satz ist von kammermusikalischem Charakter, hierfür wurde ein Gedicht von Amir Khusro (1253-1325) vertont. Bemerkenswert für die Tradition der Sufi-Poesie vor einem muslimischen Hintergrunds des 13. Jahrhunderts ist die Metaphorik des weiblichen Bildes Gottes – eine Vorstellung, die in der heutigen Zeit undenkbar wäre. Der Rhythmus ist ein 7/8-Takt welcher dann wiederholt von Quartolen und Quintolen variiert wird – eine komplexe Rhythmik, die in der nordindischen Perkussionstradition häufig verwendet wird. Hier wechselt die Tonalität zwischen einem a-Moll-Akkord, der durch chromatische Verrückungen übermäßig wird, und einer unregelmäßigen Pentatonik.

Die Dichterin Meerabai (1498-1547), deren Schriften dem vierten Satzes „Meera“ zugrunde liegen, sagt, dass Spiritualität und Sinnlichkeit in keinem Wiederspruch stehen. Dies war auch in der christlichen Tradition des europäischen Mittelalters verankert – jedoch scheint es, als hätten wir diesbezüglich einen Rückschritt gemacht. Die Rhythmik dieses Satzes basiert auf indischen Volksrhythmen, welche nicht nur von den Schlagwerkern, sondern auch von den tiefen Streichern wiedergegeben werden. Die Tonart reicht von einem klaren As-Dur bis zu einem C übermäßig zuzüglich einer Sept-Dominanten. Die zerrenden Harmonien stellen die Qualen und Sehnsüchte Meeras dar, welche am Ende am Sternenlager des Bräutigams/Gottes Erlösung finden.

Gebetsfahnen nimmt das Publikum mit auf eine musikalische Reise in das Reich der Spiritualität, Liebe und Sehnsucht. Es geht um die mystische Beziehung eines Liebhabers und dessen Geliebten, wo göttliche Liebe die Schöpfung umarmt und die Tiefen der menschlichen Seele berührt. Die Reise ist voll von inneren Qualen, doch inmitten von Verzweiflung und Angst transzendiert etwas im menschlichen Verständnis und der Suchende wird verwandelt. Seine Identität verschmilzt mit Gott und führt ihn von der Dualität in die Einheit.

Unsere Welt steht an der Schwelle der Selbstzerstörung und es gibt einen großen Bedarf an Einkehr und Reflexion, um Frieden zu finden. Diese Symphonie spiegelt die Sehnsucht nach innerem Frieden und Harmonie in einer Welt voller Aufruhr und Umbruch wider.

Gebetsfahnen